Ausschnitt – 10481-481_006_306 – Öl auf Leinwand – 110×100

Gegenständliche Malerei

„Wiederendecker der Romantik“ – der Erfinder der Romantisch Moderne

Die geistes- und stilgeschichtliche Epoche der Romantik, die um die Wende des 19. Jahrhunderts Sturm und Drang und Klassizismus ablöste und die Vorstellung von der edlen Größe und reinen Schönheit der Antike, den breiten Strom einer europäischen Bewegung, aufnahm, ist nicht nur als Gegenbewegung zu verstehen, denn auch der Klassizismus war ja sentimental und viel zu sehr Wunschbild und Wunschdenken, eine Idealvorstellung des griechischen Altertums. Zunächst bringt die Romantik nur einen Wechsel der Stimmungen. Das Pathos des Willens hat die lyrische Deklamation ersetzt, die moralische Unduldsamkeit die ästhetische Ergriffenheit. Aus den leeren, kahlen Hallen wurden unwirkliche, sich in das Unendliche verlierende, weich konturierte Landschaftsgebilde. So gewann der Geniebegriff der Romantik, der die Literatur des 19. Jahrhunderts geprägt und im gefühlvollen Nacherleben die neue Idee des sich frei entwickelnden Schöpferischen Poesie gesehen hatte, vornehmlich in den Bildern der großen Malerpersönlichkeiten Phillip Otto Runge und Caspar David Friedrich in Deutschland und William Turner in England feste Gestalt.
Nicht eigentlich Gestalten und Formen sind bei ihnen Bildinhalte; wir hören beim Betrachten ihrer Bilder, was der Dichter spricht und was die Musen und Faune singen. Die eigentliche romantische Stimmung besteht doch darin – (als sehnsuchtsvolle Erfassung von etwas, was man nicht wirklich mit den Händen greifen kann), dass die Formen zu unabhängig, selbständigen Produkten des Geistes werden. Es sind Formen an sich, sogar abstrakte Konstruktionen. Diesen Formen und Konstruktionen prägte man Inhalte auf, irrationale Inhalte – und diese verlangen äußerste Hingabe im Nachempfinden und Nacherleben. In dieser nun rein geistigen Form fühlte man die neue Freiheit des Individuums, die Freiheit der subjektiven Selbstverwirklichung und man fühlte sich losgelöst von allen Ansprüchen einer Wirklichkeit. Man spürte die innerliche Losgelöstheit sogar gegenüber der Natur, wie ein Entfernen von ihr als Idealität. So wurde bei den Romantikern die Natur zur Ferne – und das ergab als letzte Konsequenz das Eingeständnis der Sentimentalität der Natur als ein Wunschbild des freien Geistes. Und damit ist die Natur das Produkt des menschlichen Geistes. In diesem Sinn die Beziehung zur Natur als eigentlichen Bildinhalt gewonnen zu haben, das ist das außerordentliche Verdienst der großen Maler, die wir bereits genannt haben.

Die im Ursprung „Deutsche Bewegung“ erfasste ganz Europa in allen geistigen und künstlerischen Bereichen und sie hat fortgewirkt bis auf den heutigen Tag. Plötzlich brechen die Grundideen unverhofft aus dem Dschungel modischer Entwicklungen und stifteten erhebliche Verwirrung. Mit der fortschreitenden Zeit und den großen Veränderungen, die in ihrem Gefolge stattfanden, waren die Beziehungen der Menschen zur Natur vielen Wandlungen unterworfen und nicht immer wirkte sich das für die Menschen und für die Natur gut aus. Im Verlauf unseres Jahrhunderts verdrängten wir die Natur immer mehr und nahmen sie als etwas hin, das man bei schönem Wetter genießt oder nur noch im Museum betrachtet oder eben in den Bildern der Romantiker – und das Ergebnis war die Zerstörung unserer Naturwelt. Zugleich sind aber in den letzen zwei Jahrzehnten in Deutschland Rückbesinnungen lebendig geworden, das „Zurück zur Natur“ bekam einen neuen Sinn. So finden wir jetzt bei uns vielfältige „romantische“ Arbeiten junger Künstler. Wir erkennen darin nicht die Abwendung von der Gegenwart, sondern vielmehr das Bewusstwerden eines geänderten Lebensgefühls. Damit sind wir bei Rudolf L. Reiter, einem der wichtigen deutschen Vertreter der „romantischen Moderne“ (Schlegel prägte diesen Begriff in seinen berühmten Berliner Vorlesungen 1802 – 1805). Reiter nennt Caspar David Friedrich und William Turner seine Vorbilder. Und sie sind es auch ohne Zweifel. Aber bei Reiter ist noch etwas anderes im Spiel und das ist nicht minder beachtenswert: er entstammt einer Landschaft im Norden der Landeshauptstadt München gelegen, dem Erdinger Moos. Einer Naturlandschaft, in der die Ursprünglichkeit einer gewachsenen, in sich geschlossenen und unberührten Flora und Fauna noch erhalten geblieben ist und in der die Menschen, wie die Vorfahren Reiters, in Jahrhunderten von dieser Landschaft geprägt worden sind. Es ist eine starke Naturwelt, die hier auf die Menschen einwirkte: schwer und dunkel der Boden, viel Wasser, Moore, Nebel, auch seltene Gräser und Blumen und seltenes Getier gibt es. Am Morgen, wenn die Nebel steigen, liegt leise Schwermut über dem Moos, der Abend zaubert Irrlichter hervor – es ist die Welt der Faune und Moorgeister und es ist die verzauberte Welt einer unwirklichen Schönheit.

Rudolf L. Reiter hat ein Gedicht geschrieben:

„Nun hab ich sie gesehen –
Die Äcker und Felder, in denen
die Seelen ruhen. Endlos ohne
Horizont – endlos wie das Leben.
Hab´ sie blühen, reifen und
sterben gesehen. Gesät in Äckern
aus Weiß blühen sie auf den
Wolkenfeldern. Zur Ernte bereit –
Die Äcker und Felder, in denen
die Seelen ruhen.“

Und auch diese Worte fanden wir bei Rudolf L. Reiter:

„Grün leuchtet der Himmel hinter Großmutters Haus. Wie ein grüner, warmer Mantel umgibt er die sonst so herbe, ja fast abweisende Landschaft. Ich bin mit ihr durch das Land gewandert. Von Hof zu Hof. Ich habe schöne Häuser gesehen, reiche Häuser. Und arme Hütten. Ich habe Brotsuppe gegessen. Und auf Stroh geschlafen. Unter der Treppe stand ein Miniaturhaus, an dem man die Türen und Fenster öffnen konnte. Das kleine, aus Holz erbaute Haus, strahlte heile Welt aus. Das kühle Pflaster des Flurs erinnerte an die Würde und Ernsthaftigkeit einer Waldkapelle. Da stand ich eines Morgens vor dem Haus. Es war kalt, der Boden war gefroren. Eine schwarze Kutsche fuhr die nackte Allee entlang. Das läuten der Glocken verkündete, dass jemand gestorben war. Meine kleinen Hände hielten sich am Geländer der Treppe fest. Im Innern des Hauses stieg der Geruch von Brotsuppe auf. Menschen in schwarzer Kleidung. Geschäftiges Treiben. Und ich wusste, schade, dass Großmutter nicht mehr ist.“

Wir erkennen in diesen Zeilen das Bemühen des talentierten Malers, seine Gedanken auch in anderer Form zum Ausdruck zu bringen und auch bei diesem Tun ist er der Gedankenwelt der Spätromantik verhaftet mit ihrer Besinnung auf eine poetisch verklärte Vergangenheit und der Hinwendung zu den „Nachtseiten der Natur“.

In seiner Malerei beschreibt Rudolf L. Reiter eigene und neue Wege. Seine Arbeiten sind keine Kopien von Caspar David Friedrich und William Turner, doch verleugnet er die Anregung nicht; er nimmt diese auf, er benutzt sie. Dann aber geht er allein weiter und überwindet die Barriere direkter Bezogenheit zum Erschauten und formt in der subjektiven Deutung des gewonnenen Eindrucks den Bildinhalt neu. „So kann es mir passieren, dass in dem fertigen Bild nicht das Geschaute erkennbar ist, weil eben im Bild nur meine Eindrücke enthalten sind. Und dasselbe Betrachtungsobjekt kann zu einem späteren Zeitpunkt völlig andere Strukturen aufweisen, bedingt durch die stete Veränderung in der Natur und meine persönliche Einstellung“, sagte Reiter einmal in einem Interview.

Reiter lässt Gestalten, Gegenstände, Formen schemenhaft werden, er rückt sie von dem Betrachter fort, er erfindet Landschaften in der Landschaft, zeigt sie und wie aufgefächert vor, wie zerlegt und detailliert. Und er setzt im gleichen Bild Schemenhaftes, Entfliehendes, sich in der Ferne verlierendes gegen konstruktive Elemente, ja gegen geometrische Formen, vor allem in seinen Stillleben und Innenräumen, Körper sind statuarisch hineingestellt in den Landschaftsraum, in die Innenräume. Die Gestalt der „Victoria“, der Hauptfigur der platonischen Liebengeschichte des Norwegers Knut Hamsun, beschäftigt Reiter seit vielen Jahren: überall finden wir ihre Gestalt, ihr Gesicht, in wirklichen und unwirklichen Räumen, sehnsüchtig wartend, allein, ein Ausdruck hoffnungsvoller und hoffnungsloser Liebe.

Um sie ist Leere, Einsamkeit und – Angst. Ist es Zukunftsangst? Reiter sagte in einem anderen Interview: „Ich habe Angst, plötzlich nicht mehr alles schaffen zu können in dem mir zur Verfügung stehenden Zeitraum“.

So sind Reiters Acrylbilder, seine Farbzeichnungen und Aquarelle auch Dichtungen, spätromantische und auch „moderne“ Bild-Dichtungen. Man sieht seinen Arbeiten nicht die Mühe an, die er dafür verwendet. James McNeill Whistler, der wichtige amerikanische Maler, der die Hauptzeit seines Lebens in England und Frankreich verbrachte und dessen Bedeutung in den zurückliegenden Jahren unterschiedlichste Wertungen erfuhr (er lebte von 1834 bis 1903 und verband dekorative Farbharmonien mit zunehmend impressionistischen Formauflösungen), sagte einmal in einer seiner berühmt gewordenen „10-Uhr-Vorlesungen“:
„Ein Gemälde ist fertig, wenn alle Spuren der Mittel, die bei seiner Vollendung gebraucht wurden, verschwunden sind. Fleiß ist in der Kunst eine Notwendigkeit, keine Tugend, und jede Spur desselben auf dem Werk ist ein Tadel, kein Vorzug, ein Beweis nicht des gelungenen, sondern des absolut ungenügenden Werkes, denn zur Arbeit gehört auch, ihre Spuren zu beseitigen“.

Rudolf L. Reiter ist ein fleißiger Maler. Nirgendwo entdecken wir in seinen Bildern Spuren seiner Arbeit, Spuren der angewandten Technik oder seiner Mittel. So soll das alles sein Geheimnis bleiben. Nur eines müssen wir festhalten: in einer Zeit, da die Spritzpistole nicht nur den Werbegraphikern, sondern auch vielen „Malern“ so leicht in der Hand liegt, stellt sich für Reiter dieses Problem nicht. In seiner Werkstatt ist für dieses Instrument kein Platz. Er malt seine Bilder in der von ihm erfundenen Technik, – ganz einfach mit dem Pinsel und – der Rest bleibt sein Geheimnis, wie er sagt.

James McNeill Whistler sagte in einer anderen „10-Uhr-Vorlesung“: „Der Künstler hat keine Beziehung zu dem Zeitpunkt, in dem er erscheint, er ist ein Denkmal der Einsamkeit – auf Trauer deutend – , das keinen Teil an dem sogenannten Fortschritt seiner Mitbürger nimmt.“

So ist Reiter ein moderner Romantiker, den das Schicksal in unsere Zeit verschlagen hat, der hineingeworfen wurde in das Hier und Heute und er muss diese Gegenwart bestehen. Er ist ein Mensch, der fest daran glaubt, dass er in früherer Zeit hier oder anderswo, etwa in Norwegen oder in Irland schon einmal gelebt hat – und zugleich glaubt er an vorbestimmte Daseinsabschnitte. So ruht er in seiner Vergangenheit und in der ihm erkennbaren Zukunft und – er ruht in sich selber, zugleich zweifelnd und selbstsicher, in panischer Zukunftsangst und vollkommener Furchtlosigkeit, introvertiert und in offener Bereitschaft lebend, den beeindruckenden Sonnenaufgang über dem Erdinger Moos auf sich einwirken zu lassen.

Noch einmal möchten wir einen Ausspruch Whistlers zitieren: „Mit den einzelnen Menschen also und nicht mit der Menge, treibt die Kunst vertrauten Umgang. Und in dem Buch ihres Lebens sind die Namen nur Weniger verzeichnet, die dazu beitrugen, die Geschichte von der Liebe und Schönheit der Kunst zu schreiben.“ Wir meinen, Rudolf L. Reiter gehört zu den Wenigen, zu den Auserwählten, die in dem Buch bereits jetzt ihren festen Platz erhalten haben, dank seiner Glaubwürdigkeit und dank der Wahrheit in seiner Kunst.

Hannes Reinhardt †