Selbstportrait: 10521-521_120_120 – Öl auf Leinwand – 35×80

Rudolf L. Reiter. Ein Künstler aus Erding. Ein Künstler in Erding.

Wer nach den Gründen sucht, warum ein Mensch wurde, was er ist, beginnt meist bei den Eltern. Was haben sie mitgegeben, vererbt, an Genen in die Wiege gelegt?

Wer nach den Wurzeln des Rudolf L. Reiter sucht, der entdeckt väterlicher- wie mütterlicherseits Spuren, die seinen Werdegang als einen der herausragenden Protagonisten und Wegbereiter der neuen deutschen informellen Malerei sowie als einen der wichtigsten deutschen Vertreter der modernen Romantik zumindest andeuten. Hier den Ausgangspunkt zu setzen, gebietet sich auch, wenn man den Versuch unternimmt, Reiter in einen Kontext zu seiner Heimatstadt zu setzen.

Rudolf L. Reiter ist in Erding geboren und aufgewachsen, er hat die altbayerische Herzogstadt, die heute zu den dynamischsten Städten in der ganzen Republik zählt, nie für längere Zeit verlassen. Rudolf L. Reiter hat seinen archimedischen Punkt gefunden – wohin er auch immer reiste, er ist immer wieder zurückgekehrt. Dennoch war sein Verhältnis zu Erding zeitweise keineswegs ungetrübt. Heute ist er mit Abstand der berühmteste lebende Künstler der Stadt, ihm ist in der Altstadt ein eigenes Museum gewidmet. Und er setzt eine künstlerische Zeitläufte fort, die mit großen Namen wie Albert Schiestl, Franz-Xaver Stahl und Hiasl Maier verwoben ist. Sein Vater Ludwig, am 19. Mai 1907 geboren und am 24. Juni 1978 gestorben, erlernte den Beruf des Maschinensetzers. Seine Mutter Anna Aulehner, am 6. Juli 1910 geboren und am 25. März 1988 gestorben, war Näherin. Das Großelternhaus stand und steht Am Rätschenbach unweit der Stadtmauer, es markiert den Rand der historischen Altstadt. Über den Beruf des Vaters fand Rudolf bereits von früher Kindheit an Zugang zur Kunst. Ludwig Reiter druckte zahlreiche Kataloge und Kunstmagazine. Überdies war er ein begabter Zeichner. Selbst war der Vater allerdings nie künstlerisch tätig. Der Beruf des Vaters wird den Buben Rudolf bis in dessen Jugend begleiten.

Rudolf L. Reiter wird am 24. Juni 1944 im Haus der Eltern geboren. Er ist das jüngste von drei Kindern. Bruder Ludwig ergreift den Beruf des Vaters, seine Schwester Annemarie wird Sekretärin. Als Kind verbringt Rudolf viele Tage und Stunden in der elterlichen Druckerei, schaut dem Vater zu und wird von der Mutter liebevoll umsorgt. Dort darf er, eingewiesen von Vater und Bruder, erste eigene Druckversuche unternehmen.

Das Rüstzeug fürs spätere Leben wird ihm an der Grundschule am Grünen Markt mitten in Erding vermittelt, das stattliche Schulgebäude liegt nur einen Steinwurf vom Elternhaus entfernt. Nach der Volksschulzeit bleibt Reiter in den Spuren des Vaters, auch er erlernt den Beruf des Setzers und Druckers in München. Bis 1968 ist er zunächst als Lehrlings-Ausbilder tätig, danach arbeitet er im Schulbuchverlag HIG. Doch wie sein Bruder bleibt auch Rudolf dem Druckwesen nicht lange treu. Ludwig jun. hegt andere Interessen und wechselt in die Verwaltung des Erdinger Fliegerhorstes, damals noch eine militärische Einrichtung in den Händen der amerikanischen Besatzungsmacht.

Trotz dieser buchstäblichen Vorprägung durch Vater und Bruder ist Rudolf L. Reiter überzeugt, die künstlerische Ader eher von der Mutter zu haben. Sie beschreibt er als genauso introvertiert und zum philosophischen Grübeln veranlagt wie sich selbst. Von ihr will er auch diese gewisse Schwermut haben, die Reiter bis heute begleitet, die ihn trotz aller künstlerischen Erfolge und Reputation immer wieder befällt. Am Tod seiner Frau Hilde Amalie 2009 zerbricht er fast. Die innere Distanziertheit ist es auch, die es Reiter als Kind so schwer macht, Anschluss an Gleichaltrige zu finden. Die gut-bürgerlichen Spießer auf der einen Seite, der Spinner aus der Arbeiterschicht, das Enfant terrible auf der anderen. Er sieht sich als fragilen Fremdkörper, als Außenseiter – eine Einstellung, die ihn bis in die Gegenwart begleiten soll.

Reiter bewundert Caspar David Friedrich nicht nur aufgrund dessen Malerei. Einen Ausspruch Friedrichs im Januar 1840 kurz vor seinem Tod zitiert Reiter immer wieder, münzt ihn auf sich: “… so ist der Mensch dem Menschen nicht als unbedingtes Vorbild gesetzt, sondern das Göttliche, Unendliche ist sein Ziel. Die Kunst ist’s, nicht der Künstler, wonach er streben soll. Die Kunst ist unendlich, endlich aller Künstler Wissen und Können. So vernichtet am Ende die Kunst den Künstler – um seiner selbst willen.” Auch in der Sammlung Friedrichscher “Aphorismen über Kunst und Leben” findet sich Reiter in seiner Zurückgezogenheit wieder: “Ihr nennt mich Menschenfeind, weil ich die Gesellschaft meide. Ihr irret euch, ich liebe sie. Doch um den Menschen nicht zu hassen, muss ich den Umgang unterlassen.” Es wird noch zu zeigen sein, dass Reiter Friedrich auch künstlerisch gefolgt ist.

Mit 14 beginnt Reiter mit der Malerei, erstellt erste künstlerische Arbeiten. Eine künstlerische Ausbildung hat Reiter nie erfahren, er ist mit Ausnahme seiner zweijährigen Mitarbeit beim Münchner Maler und Grafiker Hans Spranger von 1960 bis 62 sowie einem intensiven Austausch mit dem 1937 geborenen und in München lebenden Alfred Darda Autodidakt.

Zu seiner ersten Ausstellung verhilft ihm im Jahre 1965 Karl Maria Doll. Der 1921 in Erding geborene und 2005 dort gestorbene Doll war nicht nur Kirchenmusiker und Komponist sowie Wegbereiter der Kreismusikschule Erding. Er war über Jahrzehnte auch Inhaber eines Kunst- und Musikladens an der Münchener Straße gegenüber dem Amtsgericht. In dessen Schaufenstern, die eigentlich der Präsentation von Musikinstrumenten vorbehalten sind, darf Reiter seine ersten Exponate, vor allem in Öl auf Papier, Zeichnungen und Aquarelle, ausstellen. Hierfür druckt er Faltblätter, um auf seine Premiere aufmerksam zu machen. Dazu nutzt er sein Wissen, das er sich während der Ausbildung in München angeeignet hat. Mit Freunden hatte er zahlreiche Ausstellung in der Landeshauptstadt besucht und dabei stets ein Auge auf die meist hochwertig gestalteten Kataloge und Plakate gehabt. Das sein Aktionsradius in Erding auf eine relativ kleine Fläche reduziert bleibt, beweist der Ort, an dem er 1968 seine spätere Gattin Hilde Amalie kennen lernt. Das Fräulein Obermeier, geboren am 5. Juni 1950, trifft er erstmals im Café am Kleinen Platz. Darüber wohnen die Reiters mittlerweile, nachdem ein Onkel nach dem Tod Rudolfs Großmutter den Stammsitz am Rätschenbach geerbt hatte. Zwei Jahre später geben sich Rudolf und Hilde das Ja-Wort. Es erwächst eine Ehe zweier völlig unterschiedlicher Menschen, die sehr schnell merken, dass es ohne einander nicht geht. Hilde Reiter wird Managerin des Künstlers, regelt sein gesamtes Leben, hält ihm den Rücken für die Kunst frei.

Dass Rudolf Reiter bald nur noch künstlerisch tätig sein wird, zeichnet sich 1966 ab, als er in Paris die Typografische Gesellschaft und in ihr zahlreiche Kunstschaffende kennenlernt. Reiter spricht davon, dass diese Begegnung eine “immense Inspiration für mich Provinzler” gewesen sei. 1968 steht für Reiter fest: Fortan will er ausschließlich Künstler sein. Eine rege kreative Tätigkeit beginnt. In seinem Atelier am Rätschenbach entstehen hunderte Werke. Er erinnert sich noch gut daran, dass es für ihn als Jungvermählten eine enormes Risiko gewesen sei, den Schutz eines Berufslebens mit geregeltem Einkommen von heute auf morgen aufzugeben. 1971 gründet er die Künstlervereinigung “Bunter Kreis”, 1974 wird er als Mitglied in den “Schutzverband bildender Künstler München” aufgenommen.

1976 eröffnet Reiter mit seiner Gattin und mit der Unterstützung durch den damaligen Kulturreferenten des Stadtrates, Gerhard Groschberger, eine Galerie an der Färbergasse. Amalie Reiter gibt in diesem Jahr ihren Beruf auf, um ausschließlich die Kunst ihres Mannes zu managen. 1999 erfolgte der Neubau des Wohn- und Galeriegebäudes sowie dem Atelierhaus am Rätschenbach in Erding. Zu den Räumen am Rätschenbach bemerkt Hilde Reiter im Jahre 2006: “Die Idee, eine Galerie in bester Lage Erdings, in unmittelbarer Nachbarschaft zu sämtlichen Banken, den wichtigsten Geschäften, In-Lokalen, aber auch nahe am kulturellen Geschehen zu verwirklichen, hatte ich, weil die Galerie mit ihrem Atrium und dem angrenzenden Atelierhaus im Herzen der alten Herzogstadt schlicht ein attraktiver Ort für eine gute Kunstadresse ist. Das Konzept ist letztlich aufgegangen. Mittlerweile ist die Galerie zum Treffpunkt sowohl internationaler Kunstfreunde als auch Sammler geworden.”

1977 kommt Reiters einzige Tochter Victoria zur Welt. Der Name ist nicht zufällig gewählt. Er geht zurück auf Reiters bekanntesten Bild- Zyklus Victoria. Reiter ist ein Bewunderer des norwegischen Dichters und Nobelpreisträgers Knut Hamsun sowie dessen Romane und Novellen. Vor allem die Liebesgeschichte der Victoria fesselt ihn. Reiter erzählt: “Oft genug ist mir beim Lesen der Geschichten Hamsuns passiert, dass ich mich mit diesen Romanfiguren identifizieren konnte. Ja, manchmal erschien es mir, als hätte ich einige Figuren selbst gelebt, sei an den Orten gewesen, die diesen Personen bedeutungsvoll waren. Gerade die Schauplätze der Handlungen, obwohl von Hamsun nicht detailliert beschrieben, haben in mir so starke Assoziationen geweckt, dass ich versucht habe, diese in Bilder umzusetzen.” Aber auch Portraits der eigenen Tochter, die er viele Male abbildet, finden in den Zyklus Eingang. “80 Prozent sind Hamsun, 20 Prozent meine Tochter”, schätzt Reiter. Der Zyklus Victoria steht für eine Hochzeit seines Schaffens: “In den letzten Jahren habe ich mir mehr Freiheit erarbeitet und bin nur meiner inneren Stimme gefolgt. Ich habe einfach das getan, was ich immer tun musste, was mich erfüllt und zufrieden stellt. Ich kann sagen, dass ich ein glücklicher Maler bin.”

In den 70er Jahren lernt er Franz-Xaver Stahl kennen, Urheber vieler monumentaler Tier-Motive. Reiter gesteht, immer schon Bewunderung für Stahl gehegt zu haben. “Ich hätte mich nicht getraut, den auch nur anzusprechen. Der war für mich so weit weg wie der Mond”, erinnert er sich. Als Ritterschlag empfindet es der junge Reiter, mit seinem großen Vorbild sowie Werken von Hiasl Maier eine gemeinsame Ausstellung anlässlich der 750-Jahr-Feier der Stadt Erding machen zu dürfen. Reiter, der aus diesem Anlass seinen damals noch unfertigen Zyklus “Liebe zu einer Stadt” – die Motive zeigen nicht alltägliche Ansichten Erdings sowie den verwunschenen Stadtpark – vorstellt, fällt zudem die Aufgabe zu, die künstlerisch gestalteten Plakate sowie den Katalog zu entwerfen und zu drucken. Damit macht sich Reiter einen Namen. Zwei Jahre später ermuntert ihn Josef Egner zu einer Ausstellung. Egner war nicht nur bekannter Autohändler in Erding, er war auch ein deutschlandweit anerkannter Sammler, dem es gelungen war, wichtige Werke verschiedenster Stilepochen zu erwerben. In dessen Autohaus an der Landshuter Straße hat Reiter seine erste große eigene Schau. Sie bringt ihm viel Renommee ein, weil Egner in der Stadt ebenso anerkannt wie beliebt ist.

In der Retrospektive sagt Reiter, Erding und seine Bürger hätten ihn zeitlebens geprägt, doch das bereits in der Kindheit ambivalente Verhältnis zu seiner Heimat ändert sich nicht. Er bleibt ein kritischer, ja manchmal sogar polternder Geist. So betrübt es ihn bis heute, dass sich in Erding trotz seiner rasanten Entwicklung für die Kunst kaum etwas zum Besseren verändert hat. Unter anderem beklagt er das Fehlen von Ausstellungs- und Atelierräumen für junge Künstler.

Dennoch: Erding und Reiter, diese Verbindung ist untrennbar, was sich an einigen Punkten festmachen lässt: Das ist zum einen die Galerie am Rätschenbach, zum anderen die 2007 eröffnete Sammlung Rudolf L. Reiter in den Räumen der Fischer’s Wohltätigkeits-Stiftung im Bräuhausviertel am Katharina-Fischer-Platz. Dort, auf einer hohen, schlanken Säule steht auch seine Statue des St. Prosper, Schutzpatron der Herzogstadt. Nicht zuletzt schuf er im öffentlichen Raum zwei Statuen von Friedrich und Katharina Fischer, die als bedeutendste Gönner Erdings gelten. Ebenso ungewöhnlich wie mutig ist ein Projekt, das Reiter mit dem damaligen Stadtpfarrer von St. Johann anging. Josef Mundigl gibt Rudolf L. Reiter den ehrenvollen Auftrag, zwei Altarblätter zu dem Thema Apokalypse und Genesis zu schaffen. Hier ist der bereits angedeutete zweite Anknüpfungspunkt zu Caspar David Friedrich. Auch er schuff zwei Altarblätter für seine Heimatstadt Greifswald.

Reiter gibt zu, selbst nicht allzu viel in das zum Teil gespaltene Verhältnis zu seiner Heimat zu investieren. Im Gegensatz zu früheren Jahren “finde ich heute weder Raum noch Zeit, mich für die kulturelle Arbeit vor Ort einzusetzen“. Auf der einen Seite hat er zuletzt deutschlandweit an Ausstellungen verschiedener Künstler zu den Themen Rechtsradikalismus und Fremdenhass teilgenommen. Auf der anderen Seite engagiert er sich an der Seite des berühmten deutschen Herzchirurgen Bruno Reichart mit der bundesweit Station machenden Aktion “Große Kunst für kleine Herzen” für herzkranke Kinder. Des weiteren engagiert sich Reiter im Bereich von Workshops für psychisch kranke bzw. behinderte Menschen, und führt auf diese Weise die Arbeit eines Hans Prinzhorn †, dem „Begründer der Maltherapie“fort. Im Leben und Wirken Rudolf L. Reiters spielt Prinzhorn insofern eine bedeutende Rolle, als Reiter selbst im Juni 1993 in der Prinzhorn-Klinik in Hemer mit Patienten ein Mal- und Kunstprojekt gestaltet hat. Zu erwähnen sind nicht zuletzt auch seine beiden Gastdozentenstellen an der Europäischen Akademie 1990 und auf Island 2006.

Politische oder gesellschaftliche Ereignisse meidet er, öffentliche Auftritte überließ er stets seiner Gattin Hilde. Ihr Sterbetag, der 16. März 2009, markiert für Reiter ein einschneidendes Erlebnis, an dem er zu zerbrechen droht. Er denkt darüber nach, alles aufzugeben. Erst ihr Fehlen zeigt ihm, dass Hilde sein gesamtes berufliches wie privates Leben geregelt hat. Briefe und Rechnungen lässt der tief trauernde Witwer liegen, verheizt sie später im Ofen. Nur mit Hilfe guter Freunde gelingt es ihm, wieder Tritt zu fassen, sein Leben neu zu ordnen. Seiner geliebten Gattin hat Reiter im Museum ein eigenes Raumsegment gewidmet. Überall in seinem Atelier stößt man auf Bilder dieser zeitlebens so agilen und zupackenden Frau.

Trotz allem muss es ein verbindendes Element zwischen ihm und der Stadt geben, in der Reiter nunmehr 66 Jahre lang lebt. “Erding für immer zu verlassen, das stand für uns nie zur Debatte. Für Hilde wäre das nie in Frage gekommen”, erzählt er. Sein Leben als Witwer beschränkt sich seither auf das Atelierhaus. Dort hat er sich neu eingerichtet. Rudolf L. Reiter wird ein Teil dieser Stadt bleiben – als Mensch und als Künstler, der Bleibendes geschaffen hat.

Hans Moritz