Rudolf L. Reiter - Mit der Seele sehen

wird. Ansonsten ist sie unsichtbar, allenfalls dem Sensiblen oder eben dem Künstler erfassbar. So aber denkt Reiter, dass sein Kunst-Projekt „Mit der Seele sehen“ funktionieren kann: Die bemalte Leinwand ist in Form gepresste Energie des Jenseitigen und göttlicher Kraft. Als solche kann sie sogar verhüllt noch durch die Hülle nach draußen dringen und auf den Betrachter wirken. Reiter wehrt sich daher gegen künstlerische Plattitüden, wenngleich er es dem Publikum überlässt, was wahre Kunst ist. Er äußert sich kritisch gegenüber in der Öffentlichkeit eigentlich als Künstler geltenden Persönlichkeiten. Beispielsweise nennt er Martin Kippenbergers Serie „Lieber Maler, male mir“. Hier malte nicht der Künstler selbst, sondern ein dafür engagierter Plakatmaler nach Fotovorlagen von Kippenberger. Auch Jochen Klein, der Bilder aus Zeitschriften ausschnitt, aufklebte und „drum herum mit Wasserfarben gemalt“ habe, überzeugt ihn künstlerisch nicht. Persönlich sieht Reiter, der für sein einst eigentlich inno- vatives Malen nach Fotos oder seine Teile von Illustrierten reproduzierende Frottage-Technik kritisiert wurde, weder bei Kippenberger noch bei Klein „echtes“ Kunstschaffen. Zu sehr hat er selbst auf die Kunst als Grundlage seines Lebens und Lebensunterhalts gesetzt. Umso mehr interessiert ihn „Volkes Stimme“ und die Empfindung des Einzelnen vor den beiden bewusst verhüllten Leinwänden. Das Unsichtbare und das Sichtbare Reiter mag die Installation mit den durch die Verpackung nach außen nahezu gleichgemachten Leinwän- den nicht als Diptychon verstanden wissen – jedenfalls nicht primär. Diese Ebene ist nicht beabsichtigt, denn es geht ihm bei der Präsentation zweier Leinwände weder um die Tradition des Diptychons in der christlichen Kunst noch um Bezüge zum Doppelporträt. Gleichwohl ist die Dualität entscheidend und das primär im Gegensatz von ursprünglich bemalt/unbemalt, energetisch aufgeladen/unaufgeladen. Das Ver- bergen ist zentral und damit der Gegensatz sichtbar/unsichtbar. Es geht stets um die Thematik des Verhül- lens, des Verborgenen und des sich erst zuletzt Enthüllenden. Sigmar Polke, Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!, 1965. Sammlung Froehlich, Stuttgart

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