Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom
97 Licht getreten, um sich von der Welt zu verabschieden, bevor sie für immer in der sie umgebenden Dunkelheit verschwin- den.“ Eines Nachmittags rief Makos bei Reiter im Hotel an. „Andy ist gerade bei mir“, hieß es. „Wir trinken Tee. Ich habe ihm deinen Katalog gezeigt. Jetz t will er unbedingt die Bilder sehen und dich kennenlernen.“ Reiter erwider te natürlich: „Ja, klar, ich bin im Hotel. Kein Problem, ich bin zu Hause.“ Nur ein paar Minuten später klingelte es an der Tür, und Ma- kos stand mit Warhol vor Reiter. Makos hatte langes schwar- zes Haar und trug enge Hose und ärmelloses Hemd. Zwischen den Fingern hielt er lässig eine Zigarette. Warhol mit seiner weißen Perücke und schwarzem Rollkragenpullover stand dünn und bleich daneben, einen Rucksack über die Schulter geworfen. Reiter führ te die beiden in seine Hotelsuite und zeigte seine Bilder in der nach New York mitgebrachten Map- pe. Es lief nicht sonderlich gut. Warhol sah wenig begeister t aus, nickte allenfalls ganz leicht. Plötzlich holte Warhol eine Polaroid SX-70 aus seinem Ruck- sack. Er wollte ein Foto von Reiter machen. „Sicher“, sagte Reiter, „warum nicht?“ Warhol meinte daraufhin: „Zieh dein Hemd aus.“ Reiter antwor tete mit einem knappen „Okay“ und zog Hemd und Unterhemd aus. Dann äußer te Warhol: „Viel- leicht auch deine Hose.“ Da kamen Reiter all die Geschichten in den Sinn, die er zuvor über Andy Warhol gehör t hatte: „So- was mache ich nicht!“ Warhol wirkte nicht enttäuscht, sagte „okay“ und packte seine Kamera wieder ein. Ohne weiteren Gruß verließen er und Makos die Suite, wobei Reiter etwas wie „blöder Deutscher“ zu hören glaubte. Andy Warhol „Goethe“ Siebdruck Reiter-Sammler Peter Ludwig im Gespräch mit Andy Warhol auf der Artexpo in New York 1985.
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