Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom

84 Die Erde ist schwer, schwarz und von den Regenfällen der letzten Tage nass. Maispflanzen haben ihre Wachstumsphase gut begonnen, können den Regen gerade gebrauchen. An einer Stelle hier im Notzinger Moos ist der Boden aufgebrochen, eine Grube ausgehoben. Jemand hat zur Sicherung ein weiß-rotes Band an vier Holzpflöcken drumherum ge- spannt. Das Feld gehört dem Aufkirchener Landwirt Josef Fleischmann. In der Nähe verläuft ein alter Keltenpfad. Die Gegend ist reich an histori- schen und sogar prähistorischen Spuren. Hier waren bereits Neolithiker unterwegs und neben den Kelten die Römer. Ort und Zeit sind bewusst gewählt, denn es ist der 21. Juni – Sonnwendtag. Der Sonnwendtag ist seit alters her gefeiert worden. Stonehenge und die Kreisgrabenanlage von Goseck in Sachsen-Anhalt verweisen in ihrer Architektur auf diesen Tag, dessen man sich spätestens in der Jungsteinzeit bewusst war. Das Christentum wandelte die heidnischen Feiern ab, machte den Johannis- tag daraus. Dennoch lassen die Sonnwendfeiern und Johannesfeuer noch heute ihre heidnischen Wurzeln erahnen. Bald ist Mittag, als eine Gruppe von Menschen in mehreren Autos he- ranfährt. Der Künstler Rudolf L. Reiter hat zu einer Kunst-Aktion gela- den. Er selbst ist überzeugt, er spüre hier die Kraft der Erde, auf der die Neolithiker, Kelten und Römer ihre Spuren hinterließen und sie zu ihren Göttern beteten. In der Zwischenzeit versammeln sich einige Freunde, Bekannte, Sammler, Helfer, Pressevertreter und Nina Winkler, die gera- de einen Film über Reiter fertigstellt, um den Künstler, der erste Inter- views gibt. Der Künstler ist gut gelaunt. Die eigentliche Aktion startet unspektakulär. Drei Leinwände werden ausgepackt. Reiter und sein Assistent Hamit Ataseven breiten die erste, ganz neue Leinwand aus. Dann trägt man sie zur nassen Grube im Moos. Sie wird über der Erde ausgebreitet. Bald darauf folgt eine zweite Lein- wand. Über die dritte Leinwand breitet sich sogleich das von Erdparti- keln dunkel gefärbte Wasser aus. Bauer Erwin Niedermair beginnt als erster, Erde in die Grube und über die noch hell hervorleuchtenden Leinwände zu schaufeln. Andere helfen ebenfalls. Reiter, der seine Aktion eher neugierig und etwas aufgeregt beobachtet, wirft einige ausgerissene Maispflanzen hinterher und schippt selber Erde nach. Manchmal dirigiert er, wie zuvor beim Einbringen der drei Leinwände, mal erklärt er den Beobachtern, was passieren soll. „Erst kommt Gott, die Schöpfung, dann der Reiter“, sagt er und ist sich sicher, dass die Natur ihre Spuren und Strukturen auf den bald nicht mehr wei- ßen Leinwänden hinterlassen wird – für ihn eine „unbefleckte Empfäng- nis“. Er ist sich sicher: Diese Kunst-Aktion hat so noch keiner gemacht. Im Schoß der Erde ruhen nun drei Leinwände, verwandeln sich unmerk- lich und ungesehen – mit Regen und Sonne, vorbeistreifenden Rehen und den Würmern im Boden und den Wochen, die vorübergehen. Die Natur macht drei Kunstwerke aus ihnen. Intermezzo: Genesis - Erde - Redux Die Kunst-Aktion im Notzinger Moos

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