Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom
83 der zu Initiierenden einhergehen, nicht oder kaum mehr. Erhalten hat sich eine Spur davon im Märchen der Schlafenden Schönen, die Prüfungen und Schlaf über sich ergehen lassen muss, bevor sie bereit zu Liebe und Ehe ist. Auch Reiters Leinwände ruhen ab dem 21. Juni nur scheinbar, verwandeln sich während ihres Aufenthalts unter der Erde, um „reifer“ wieder aus der Erde hervorzutreten, bereit, durch das Wirken des Künstlers weiter zu wachsen. Hier spiegelt sich der Grundgedanke in Rudolf L. Reiters Philosophie, nämlich der ständiger Verwandlung, steter Metamorphose. Die Metamorphose ist für Reiter ein allumfassendes Thema wie das Leben oder der Tod, wobei diese eigentlich ebenfalls Me- tamorphosen darstellen. Er denkt da an Eintagsfliegen, Raupen, Schlangen und andere Beispiele aus der Tierwelt. Letztlich wür- de sich jeder Stein verändern und erst recht Baum und Blatt. Ein Blatt treibt aus und fällt im Herbst ab, wird zu Abfall, Humus und zu Nährboden für Neues. „Panta rhei“ („alles fließt“), sagt Reiter dazu wieder und wieder, und: „Nichts geht auf dieser Welt verlo- ren.“ Deshalb könne auch der Mensch nicht verloren gehen und ist dabei Nährboden für die Würmer. Und die Seele? „Die See- le kann man nicht beerdigen. Die geht nicht kaputt.“ Wie schon erwähnt glaubt Reiter an die Wiedergeburt und daran, dass er bereits mehrere Leben hatte. Dies käme Streifzügen durch ver- schiedene Seelen gleich, was er künstlerisch in Werkvariationen mit dem Titel „Bevölkerte Seelen“ zu fassen versucht hat. Erst nach einem Reifeprozess, so denkt Reiter, könne er „in das große Ganze“ eingehen „wie ein Tropfen im Ozean, ein Sandkorn in der Wüste“. Für „Zeit der Wiederkehr – Redux“ und die erste Verwandlung dreier Leinwände hat Rudolf L. Reiter das Notzinger Moos ge- wählt. Das ist kein Zufall. Nicht nur seinem Gesundheitszustand ist es geschuldet, dass die Aktionen, wie er es ausdrückt, „in eher hei- mischen Gefilden“ stattfinden. Der Künstler fühlt sich tatsächlich seiner Heimat sehr verbunden: „Das ist der Boden, wo ich her- komme.“ Schon als Kind ist er wahrscheinlich zusammen mit seiner Großmutter hier entlanggelaufen, wenn die Störnäherin von Hof zu Hof zog. Zudem fühlt er sich der noch ferneren Vergangen- heit verbunden. Rund um Erding siedelten Römer und Kelten. Nur wenig weiter im Norden hat man in Oberding aus der Zeit um 250 v. Chr. die sterblichen Überreste von Kelten und deren Grab- beigaben aus Glas, Buntmetall und Eisen geborgen. Keltenschan- zen finden sich bei Moosinning. Überall im näheren und weiteren Umfeld existieren historische Siedlungsreste. Andere würden von bestimmten Kraftorten im Erdinger Moos sprechen. Auf jeden Fall ist hier im Notzinger Moos ein Ort, wo man der Geschichte und der Gläubigkeit der Menschen ebenso wie der Natur und Schöp- fung sehr nahe ist – der perfekte Platz also für die Aktion „Zeit der Wiederkehr – Redux – Erde“.
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