Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom
82 Januar 2017 Noch ruhen die Leinwände schneebedeckt unter der Erde im Notzinger Moos Körperlich hat der Künstler die vier Aktionen heil überstanden, und die „Erd-Bilder“ wurden neu gemalt und im Olympiapark eingegraben. Innen drin sieht es bei Reiter anders aus. Er spricht von wiederholten „Brandflecken“ auf seiner Seele. Allerdings sind ihm physische Verwundungen längst nicht mehr fremd. Ende 2015 wurde ein Eingriff am offenen Herzen notwendig. Der ersten Ope- ration folgten weitere. Reiter war dem Tod so nah wie nie zuvor. Eine langsame Rückkehr ins Leben folgte. Es mag nicht verwun- dern, dass der Künstler nach den lebensbedrohlichen Erfahrungen zur Gedanken- und Gefühlswelt des Zykluses „Zeit der Wieder- kehr“ zurückkehrte – für ihn in jeder Hinsicht eine Wiederkehr und unter dem erweiterten Titel „Zeit der Wiederkehr – Redux“ unter umgekehrten Vorzeichen. Redux ist eine Wiederbelebung oder Neufassung von etwas Bestehendem. Hatte der Künstler einst die bemalten Leinwände den Elementen ausgesetzt, sollten nun zuerst die Elemente auf noch frische, unbefleckte, jungfräuli- che Leinwände einwirken. „Erst kommt Gott“, sagt Reiter im Sommer 2016. Gott ist die Quelle der Schöpfung, drückt sich in der Schöpfung aus. Nun solle die Schöpfung mit all ihren Elementarkräften zuerst die Leinwän- de bearbeiten, dann der Künstler folgen, der mit den Spuren auf den Leinwänden weiterarbeiten wird – oder mit der Asche, die das Feuer zurücklässt. Reiter sieht sich dahingehend als „Werkzeug und Handlanger“ der Schöpfung. Gleichwohl habe er, denkt Rei- ter, jetzt die schwierigere Aufgabe vor sich, „denn jetzt gibt mir die Schöpfung etwas vor, und ich werde das Werk vollenden.“ Am 21. Juni 2016, dem Sonnwendtag, widmet sich der Künstler dem Element Erde und dem Einbringen der „jungfräulichen“ Lein- wände in den Boden. Reiter mag den Begriff der „jungfräulichen“ Leinwand nicht, doch: Hier passiert keine Beerdigung! Vielmehr kommen die Leinwände in die Erde, müssen dort ruhen, während die Kräfte der Natur auf sie einwirken. Das ist sehr nahe an einer Initiation, wenn Jugendliche – Jungen wie jungfräuliche Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden – bei sogenannten Stam- mesgesellschaften durch einen speziellen Ritus in die Erwachse- nenwelt eingeweiht werden. Man spricht von Übergangsriten. Die europäische Gesellschaft kennt solche Riten, die mit Abschottung Redux
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NDYwNjk=