Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom
75 Gerhard RIchter „Ohne Titel“ Öl auf Karton 11 x 15 cm, 1999 Wassily Kandinsky „Studie zu Komposition VII“ 1913 machen: „Nur informelle Malerei kann diese Energie zeigen.“ 1997 fer tigt Rudolf L. Reiter für den neugotischen Altar der Stadtpfarrkirche St. Johann die zwei Altarblätter „Genesis“ und „Apokalypse“. Die Bilder sind 1,90 Meter hoch, 1,20 Me- ter breit. Beide Werke wirken zunächst von Blau und Rot, so- wie in unterschiedlichem Maß von dunklen Tönen dominier t. Weiß und gelb und wohl ein aus der Mischung von rot und weiß hervorgegangenes Pink ergänzen die insgesamt redu- zier te Farbpalette. Genesis und Apokalypse… Das ist das erste und letz te Buch der Bibel. Es handelt sich um den Anfang und das Ende der irdischen Schöpfung. Hier entsteht die Welt, das Leben, der Mensch. Dor t stehen das Ende der Geschichte und das Kom- men des Reichs Gottes. Versucht der Betrachter nun Entstehung und Zerstörung in die beiden Altarblätter hineinzusehen, das Werden von Licht und Erde einerseits und einen Weltenbrand andererseits in den Farbflächen zu vermuten, gerät das Bildpaar zum Ausdruck abstrakter Kunst. Lässt er hingegen vom Deutungsbemühen ab und gibt sich der Energie der Farben, ihrem dynamischen Fließen und Verfließen und Entstehen von Strukturen hin, er- fähr t er nicht nur das Wesen der informellen Kunst, sondern kommt auch der Absicht des Künstlers näher. Erst das Erfas- sen der Farbsphäre und ihrer puren Energie ermöglicht den Blick des gläubigen Betrachters ins Jenseits. Rudolf L. Reiters Versuche, die „Anderswelt“ erlebbar zu ma- chen, verdeutlichen, wie unnötig und manchmal überzogen das Betrachterbemühen um „Ankerpunkte“ ist, anhand derer Farbe und Struktur zur Andeutung von etwas nur scheinbar Konkretem werden. Dieses Konkrete existier t nur im Kopf des jeweiligen Betrachters und ist alles andere als universell. Wie beim Rorschach-Test sehen zwei Personen möglicherweise ganz unterschiedliche Dinge, während der Maler nichts davon meinte. Insofern ist in letz ter Konsequenz sogar die zuvor ge- machte Deutung des Gemäldes „Kosmos“ zurückzunehmen! Reiters informelle Kunstwerke sind lediglich beschreibbar. Sie lassen sich in die Kunstgeschichte einordnen. Doch in letz ter Konsequenz entziehen sie sich einer kunstanalytischen Deu- tung ihres Inhalts. Rudolf L. Reiter hat hier seine ganz eigene und einzigar tige Version der Ar t Informel gefunden. Das wird umso deutlicher, wenn man noch einmal den Schritt zurück macht. Hans-Jürgen Schwalm schreibt über den Informel:
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