Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom
74 Die Philosophie des Rudolf L. Reiter Rolf Cavael „Ohne Titel“ Öl auf Leinwand 100 x 73 cm, 1969 Was macht das Besondere eines Rudolf L. Reiter aus? Zunächst trennt Reiter oft recht rigoros abstrakte und in- formelle Kunst. Der Vorreiter der abstrakten Kunst, Wassily Kandinsky, war vom Gegenständlichen und für Reiter damit Irdischen ausgegangen. Er hatte Konkretes immer mehr „abs- trahier t“. Reiter sieht sich damit in einer Gegenposition, wenn es um die informelle Kunst geht. Sein Ausgangspunkt ist nicht das Gegenständliche, sondern das „Jenseitige“. Er nehme kei- ne Abstraktion vor, sagt Reiter. Zwar hätten die Künstler des Blauen Reiters, darunter in vorderster Front Kandinsky, be- reits in der Gründerzeit der Gruppe erkannt, dass man über das Vorhandene hinausgehen müsse, es aber nicht wirklich umgesetz t. Der Künstler äußer t insofern eine gewagte These: Kandinsky wollte dahin, wo der Reiter heute ist. Reiter schätz t Kandinsky, ebenso Jackson Pollock, der mit sei- nen Action Paintings immer wieder dem Informel zugeordnet und als Vorläufer oder Einfluss genannt wird. Der ab 1954 in München wirkende Maler Rolf Cavael, so erzählt Reiter, habe Bilder im Stile Pollocks gemalt, jedoch anders als Pollock jeden Punkt und jede Schliere exakt hingesetz t. „Da passier t die Malerei aus der Manier“, meint Reiter. Eine Chaos- oder gar Genie-Ordnung wäre da nicht drin. So seien Cavaels Werke nicht aus einer spezifischen „Denke“ oder Philosophie entwi- ckelt worden und schon gar nicht aus dem Schaffensprozess heraus frei entstanden. Reiter geht sehr streng mit vielen deutschen Künstlern zu Ge- richt, wenn es um deren informelle Kunstwerke geht. Viele seien ursprünglich von Naturerscheinungen, beispielsweise absterbenden Pflanzen, ausgegangen. Eine solche Umsetzung ist für ihn nicht der Inbegriff des Informellen. Wenn Erschau- tes ins Spiel kommt, kann für Reiter allenfalls Abstraktes he- rauskommen. Bei ihm dreht sich jedoch alles um die Wie- dergabe von nicht-stofflich Existierendem in Form, Farbe und Struktur. Es geht um „pure Kraft und Energie aus dem Jen- seitigen“, und solche Energie würde die Menschen umgeben. Sie will Reiter, wie zuvor schon erör ter t, sicht- und erfahrbar
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