Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom
73 Rudolf L. Reiter „Lebensfäden“ Öl auf Leinwand 120 x 360 cm, 2009 „Das Triptychon ist ein autoritäres Bildformat, das in seiner Komple- xität Macht ausübt und dem Betrachter die un- tergeordnete Position zuweist.“ R. L. Reiter angekommen ein Kunststudium an der Düsseldorfer Akade- mie – damals eine Bastion des Informel. Rasch faszinier te den Studenten die Fluxus-Bewegung. Er war zwar nach dem ersten Semester in die Klasse von Karl Otto Götz gewechselt, doch wurde in jener Zeit Joseph Beuys Professor an der Akademie. 1969 entstand ein Bild in vorwiegend Hellblau-Türkis-Tö- nen (Werkverzeichnis: 225-4), über das Richter weiße hin- getropft-gegossene Schlieren und Flecken legte. Zwischen ansonsten monochromen „abstrakten“ Werken der 1960er Jahre sticht dieses als informell ansprechbare Gemälde her- aus. Die Nähe zum Action Painting eines Jackson Pollock ist trotz des gebremsten Schwungs deutlich. Doch dieses Trop- fen und Gießen findet sich in der Kunst des Informel, und es findet sich bei Reiter. Richtig farbig wurden Richters „abstrak- te“ Bilder in der zweiten Hälfte der 1970er. Reiters informelle Kunstwerke sind hingegen fast immer expressiv-farbig. Sogar die horizontalen Farbaufträge von verschiedenen weiteren „abstrakten Bildern“ Richters von 1978 gibt es bei einigen der Reiter-Werke, wenngleich weit monochromer. Reiter setz t sich bei dieser genaueren Betrachtung intensiv mit Richter und den Großen des Informel auseinander. Im Grun- de ist er ja der „Zu-spät-Geborene“, der diese Kunstrichtung erst Jahrzehnte nach seiner Entstehung für sich vereinnahmt. Daher braucht es die Auseinandersetzung. In der Reibung mit der Kunst der anderen, entsteht das Eigene. Frech könnte man jedoch den Spieß umdrehen und behaupten, sein Gemäl- de „Lebensfäden - Triptychon“ mit der Werknummer 10481- 481_001_276 mit den langen nebeneinander liegenden Far- bläufen würde Richters „Strips“ vorwegnehmen – nur eben in purer, freier Malerei und ver tikal statt horizontal.
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