Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom

68 Jungen auf: „Wenn die Leute nicht die Rose so toll fänden, müssten sie das Besondere im Löwenzahn erkennen.“ Der Junge empfand sich selbst als Unkraut, sozusagen als Lö- wenzahn. Dabei kam er bereits als Junge regelrecht ins Philo- sophieren, obwohl er gar keine Ahnung von Philosophie hatte. Sein Gedankengang: Der liebe Gott habe doch nichts Schlech- tes gemacht. Gott sei im Grunde alles gleich und gleich gut. Da könne er, Rudolf Reiter, nicht schlecht sein, oder? Der Löwenzahn gerät bei Reiter zum persönlichen Symbol. In einem anderen Gedicht stellt er sich eine Beerdigung vor, insgeheim wohl die eigene. Der Beerdigte fühlt sich im kalten und feuchten Boden von den vielen Kränzen auf dem Grab erdrückt. Doch die Kränze gelten nicht wirklich ihm, sondern der Befriedigung der Eitelkeit der bei der Beerdigung An- wesenden. Als diese sich zum Gehen wenden, werden noch schnell die Kranzschleifen zurechtgezupft, damit die ange- brachten Namen gut zu lesen sind. In all dem falschen Eifer bemerkt daher keiner den kleinen Löwenzahn, der an der Sei- te hervorwächst. Dem Künstler will nicht aus dem Kopf, dass viele Menschen „das sogenannte Mindere“ schlechter behandeln, obwohl es so viel ungünstiger gebettet ist. Es sei aber ein Zeichen von Zähigkeit und Lebensbejahung, wenn es dennoch den Kopf aus dem Schotter heben könne! Rudolf L. Reiter „Störnäherin“ Öl auf Leinwand 100 x 110 cm, 1996

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