Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom

67 kreis Erding sei, auf jeden Fall ein „Platz mit Aura“ und früher vielleicht der Or t einer keltischen Ritualstätte. Auch der kleine und schmächtige Bub betete dor t: „Lieber Gott, lass mich groß und stark werden und keine roten Lippen mehr haben.“ Er bat darum, lesen zu können und überhaupt so wie die anderen zu sein. Längst weiß er, dass er Gott dan- ken muss, dass er anders war und noch heute ist. Damals woll- te er nur endlich hineinpassen in die Welt seiner Mitschüler und in das heimische Umfeld, irgendwie einem gesellschaft- lichen Mittelmaß entsprechen. Die Schule half nämlich ganz und gar nicht, um ihm Selbstbewusstsein zu vermitteln. Die Lehrer vom alten Schlag waren noch Jahrzehnte davon ent- fernt, bei Reiter eine gewisse Legasthenie zu erkennen. Nur ein Junglehrer erkannte die Fähigkeiten des Jungen. Er selbst scheiter te, als er für den Unterricht eine blaue Blume an die Tafel malen wollte. Die Schüler wiesen den Lehrer auf ihren Mitschüler hin. Der Reiter könne das, was sich prompt als richtig erwies. Der Lehrer war begeister t und ließ den Jungen for tan immer wieder an die Tafel. Und der merkte plötzlich: „Wenn ich zeichne, bin ich der Größte.“ Kein anderer konnte das, und das tat Reiter in der Seele gut. Überhaupt wirkte sich Förderung positiv aus. Reiter fing an, Gedichte und Kurzgeschichten zu schreiben. Eines der litera- rischen Werke hatte den Tenor : „Ich bin der Löwenzahn, der auf dem Schotter wächst, und neben mir im Gar ten wächst die Rose.“ Reiters Großmutter bekam das mit und baute den Altar der Kapelle St. Koloman, die Reiter als kleiner Junge regelmäßig mit seiner Groß- mutter besuchte.

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