Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom

65 Dieses Erlebnis geister t immer noch durch Reiters Kopf. Den- noch betrachtet er den Vater bei all seiner Strenge und Di- stanzier theit keineswegs als Tyrann. Im Rückblick bezeichnet er ihn als „fürsorglich“, hatte der Vater doch alles getan, um seine Familie versorgt zu wissen und har t dafür gearbeitet. Außerdem sei das Verhalten des Vaters durch dessen Kindheit und Erziehung erklärbar. Ludwig Reiter war eines von fünf Kin- dern. Die Familie wohnte in Eichstätt, wo der Vater Ludwigs Lokführer war. Mit 38 Jahren stürz te dieser von der Dampf- lok und zog sich einen Leberriss zu, der zum Tod führ te. Die Familie musste daraufhin die Eisenbahnerwohnung aufgeben und zog zu einem Großonkel in Erding. Ludwig Reiter, der zum Zeitpunkt des Todes seines Vaters, sechs oder sieben Jahre alt war, lebte in einem wohl recht strengen Umfeld. Aus dem Jungen wurde ein Maschinensetzer mit zuletz t ei- gener Druckerei. Der Sohn Rudolf L. Reiter schilder t ihn als „sehr, sehr gescheit“ und als „wandelndes Lexikon“. Eine ge- stochen scharfe Schrift hätte er gehabt, eine Schrift wie ein Stadtschreiber und „wie gedruckt“. Die „Begabung zum Hand- werklichen“ habe Reiter vom Vater. Der habe nur mit Bleistift „wunderschön gezeichnet“ und das besser als es ihm je selber gelang und „wie Dürer“. Somit stamme das Introver tier te und Manisch-Depressive von der Mutter, die nur mit ihrem engs- ten Umfeld gesprochen und in ihrem eigenen kleinen Famili- enreich geherrscht habe, das Ar tistische hingegen vom Vater. Reiter sieht Letz teres als „gutes Beiwerk“ für sein eigentliches künstlerisches Schaffen. Innere Heimat erfuhr der kleine Reiter bei seiner Oma Kat- harina Blumoser, einer Störnäherin. Die zog damals über das Land und von Hof zu Hof, wo sie als Näherin gebraucht wur- de. Der Junge begleitete sie oft, und der Familie mit den drei Kindern war es recht. Um 1950 bedeutete das, in den kar- gen Nachkriegsjahren einen Esser weniger am Tisch zu haben. Dafür konnten Großmutter und Enkel Essen von den Bauern mitbringen, wo die Störnäherin gearbeitet hatte. Reiter hat nur Gutes über die Großmutter zu sagen. Neun Kinder hätte diese aufgezogen, fünf eigene und vier von der Schwester. Die Männer der beiden waren im 1. Weltkrieg ge- fallen, dann starb auch noch die Schwester. Die Alleinstehen- de habe alle „nur mit ihrer Hände Arbeit ernähr t“. Mit Nä- hen, Fleiß und Sparen war es ihr möglich, das ursprüngliche Haus mit Lehmboden zu verkaufen und das erste Haus der Reiter-Familie in der Stadt zu kaufen. So gilt die Frau Rei- ter als Vorbild. 2006 entsteht das Gemälde „Störnäherin“. Ein weiteres Werk, „Katharina Blumoser, die Störnäherin“, geht Hoffentlich nie ganz erwachsen: Rudolf L. Reiter als Robinson Crusoe, der kreative Abenteurer, schon als Kind ein Ideenbündel. Fischer‘s Fröhlicher Tag, 1954

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