Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom
64 Löcher ausgerechnet in braunen Par tien des Werkes – brand- wundengleich, Verletzungen allemal. Rudolf L. Reiter ist ein „Verwundeter“, dem es als Künstler möglich ist, die Wunden in Kunst zu verwandeln. Als Privat- mensch antwor tet er mit gewisser Misanthropie, spricht mit deutlich spürbarer Enttäuschung über die Erfahrungen mit seinen „Mit-Menschen“, die ihn in Zeiten der Verwundung verließen und damit zuvor nur ausgenutz t hatten. So emp- findet es der Künstler, der in dieser Hinsicht gnadenlos offen seine Gefühle nach außen trägt und seine seelischen Wunden zeigt. Immer wieder kommt er auf ein Zitat von Caspar David Friedrich aus dessen „Aphorismen über Kunst und Leben“ zu- rück: „… Ihr nennt mich Menschenfeind, weil ich Gesellschaft meide. Ihr irret Euch, ich liebe sie. Doch um den Menschen nicht zu hassen, muss ich den Umgang unterlassen.“ 8 Die Empfindsamen, die Dichter- und Künstlerseelen, wissen: Enttäuschungen gehen immer von Menschen aus, nie von Tie- ren oder der Natur an sich. Die Natur mag wüten, toben und töten und durch Naturkatastrophen Schneisen der Verwüs- tung hinterlassen. Es steckt keine böse Absicht dahinter, wenn der Eine alles Hab und Gut, der Nächste gar seine Liebsten verlier t, ein Anderer aber verschont bleibt. Wenn Tiere tö- ten, dann aus ihrem Überlebenswillen heraus. Kein Tier beißt die Hand seines Herrn allein aus bösem Willen heraus. Darum sind Reiter die Tiere lieber als mancher Mensch. Die Verwundungen durch die anderen und die Außenwelt an sich haben in Reiters Fall oft mit „Brandwunden“ zu tun, so sehr, dass er von „immer diese Brandwunden auf meiner See- le“ spricht. Die erste Brandwunde habe ihm sein Vater beige- bracht. Der Maschinensetzer sei dominant und streng gewe- sen, seine Mutter dagegen sehr introver tier t. Umarmungen und Liebkosungen habe es nicht gegeben. Die Reiters hatten damals eine Stadtwohnung in der ehemaligen Frauenkirche. Im ersten Stock gab es einen Abstellraum ohne Fenster. Das war der Rückzugsor t des kleinen Rudi. In dieser Rumpelkam- mer hatte er neben den dor t verstauten Koffern Bücher und Fotoalben und bastelte sich aus Bierflaschen und trockenem Unkraut einen Wald mit Park und einen Tempel aus Bauklöt- zen. Das muss dem Vater missfallen haben. Eines Tages stürm- te er in das Kabuff, packte die Dinge und schmiss sie in den Ofen, so dass alles in Flammen aufging und verbrannte. Rudolf L. Reiter „Hand in Hand“ Öl auf Leinwand 100 x 120 cm, 2014 Wunden und Trost
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