Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom
61 Nur durch die Hingabe des eigenen Werkes an ein Publikum wird „gnothi seauton“ zum Aufruf an jeden Betrachter. Die informelle Malweise erweist sich erneut als bestechend, denn sie lässt offen, was der Einzelne „erkennt“. Sich selbst? Der Kunsthistoriker mag versucht sein, in die Farben und Formen etwas hineinzulesen. Doch letz tlich dreht sich alles um das In- dividuum und die Auseinandersetzung des Einzelnen mit dem Werk Reiters. Es geht um „Selbst-Erkenntnis“ und natürlich um die persönliche Positionierung gegenüber der Anderswelt. Selbsterkenntnis ist ebenso sehr Selbstbekenntnis. Immer verbirgt sich dahinter auch Selbsterforschung. Künstler, Maler, Literaten – sie alle sind dazu prädestinier t. Reiters Bilder bzw. Bildtitel „Finde dich selbst“ mag anders als „Erkenne dich selbst“ keinerlei Hintergrund in der Phi- losophie von Antike und Abendland haben, aber er ist nicht minder intensiver Aufruf zur Selbstbefragung und Suche nach dem wahren Ich. Dazu gehör t denn auch das Studium der eigenen Biografie. Nur wer weiß, wo er herkommt, weiß, wo er in vollem Bewusstsein seiner selbst hingeht. Vieles wird je- doch erst im Rückblick in seiner ganz Tragweite klar. „Finde dich selbst“ ist in einer seiner Versionen geprägt von Gelb- und Brauntönen. Nur wer wirklich davorsteht, wird Lö- cher in der Leinwand entdecken. Ungläubige Betrachter ha- ben da schon einmal ihre Finger hindurchgesteckt. „Ungläu- big“… Das erinner t an den ungläubigen Thomas, der seine Finger in die Wunde von Christus stecken musste, um dessen Auferstehung glauben zu können. Wie Wunden wirken die Finde dich selbst Öl auf Leinwand 120 x 100 cm | 2015 25 R. L. Reiter „Finde dich selbst“ Öl auf Leinwand, 120 x 100 cm, 2015 Deutlich erkennbar, die Brand- f lecken in der Leinwand
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