Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom
245 ein. Auch den unzähligen schrulligen Typen, die einem im Herz Frankreichs auf Schritt und Tritt begegnen, widmete er große Aufmerksamkeit. Als Folge daraus entstanden bereits in Paris zehn neue Bilder. Eine ganze Serie, genannt „Pariser Impres- sionen“, soll in Erding folgen und zu einer eigenen Ausstellung in heimatlichen Gefilden führen. Alain Augustinies Angebot an Reiter, während der Sommermonate erneut in Paris zu malen und eventuell auch ein weiteres Blatt in dem jeweils für lange Zeit ausgebuchten Atelier Gourdon zu produzieren, wurde von dem Gast angenommen. Lediglich der Termin steht noch nicht fest, da die Vorbereitung von Ausstellungen in Berlin und Bonn Vorrang hat. Reiter war aber von Paris so beein- druckt, daß er „am liebsten gleich bleiben“ wollte. Ein länge- rer Aufenthalt im westeuropäischen Zentrum von Wir tschaft, Politik und Kultur steht ihm ohnehin bevor. Dafür sorgt die renommier te Galerie Jean Camion in der Rue des Beaux-Ar ts. Besitzer Jean Camion war von der neuen, noch namenlosen Edition spontan eingenommen. Er ließ dem erfolgreichen Er- dinger übersetzen, daß er das Gemisch der Baum- und Sträu- chergruppe, die an einem zweigeteilten, abgewogen blauen Fluß steht, besonders gelungen finde. Während nahezu alle Pariser Galeristen nur mit eigenen „Haus-Künstlern“ arbeiten und deren Exklusiv-Ver tretung betreiben (was Reiter bei Ver- handlungen ablehnte), wollte Camion sofor t seine Galerie für eine mehrwöchige Ausstellung zur Verfügung stellen. Einen Termin im Herbst offerier te er, Reiter wäre der einzige deut- sche Künstler in diesem Jahr gewesen. Da der vielbeschäftigte Erdinger aber langsam ins Schwitzen gerät - und damit in Zeit- not - wird sich die Schau erst im nächsten Frühjahr realisieren lassen. Reiter schwelgt aber jetzt schon in Gedanken an eine Ausstellung, die seine Bilder den Kunstinteressier ten durch eine der ersten Adressen von Paris näherbringt. Des Meisters phantasievolle Erfolgsstimmung wurde aber nicht zuletzt beim Besuch der vielgerühmten Dali-Ausstellung im phantastischen Monumental-Kunstzentrum Pompidou angeheizt. Nach etwa einstündiger War tezeit in der endlos langen Schlange stand auch Reiter samt Begleiter vor den schier zeitlosen Werken des großen Salvador Dali. Versonnen muster te er das 1931 entstandende Gemälde „Das Spektrum und das Phantom“. Schließlich die klare Feststellung: „Wenn die Wolken noch ein bißchen anders wären, dann wäre das ein echter Reiter.“ Sprach‘s und taxier te die Räumlichkeiten im fünften Stock des Kulturpalastes. Denn eine Reiterausstellung in solcher Umge- bung, das wäre schon bombastisch. Und dann die Bestätigung, daß er kein Endlosvervielfältiger ist und Werke produzier t, die den Tag überleben. Mit ihm, dem verdienterweise Geehr- ten, dem mithin nur in der Fremde gebührend Anerkannten. Eine weitere Sternstunde fürwahr. Hier bedient Sie Monsieur Reiter. Wilhelm Dietl Der Künstler beim Erstellen der Druckvorlagen.
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