Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom

229 lich ein Erlebnis! Wir lernen den „Opferstein“ kennen, einen riesigen Findling aus der Steinzeit, der einst als Lieferant für kleine Mühlsteine diente. Nach einem gemeinsamen Imbiss im Hause Bar tel fahren wir zurück nach Lietzow. Wir kaufen eine Flasche Wein, setzen uns in der Bucht an den Strand und ver- bringen einige Stunden bei Gesprächen, Philosophieren und Erschauen der wunderbaren Stimmung rings umher. Donnerstag, den 12.September 1991 Heute erlebten wir die Schattenseite der Schönheit der Insel: den Tourismus. Am Morgen brachen wir auf Richtung Stub- benkammer. Dor t am Strand herrschte reges Treiben. Man hatte das Gefühl, irgendwo gäbe es Freibier. Der Königstuhl selbst - nichts von der Faszination der Wissower Klippen. Die Umgebung jedoch bot wieder eine Vielzahl faszinierender Augenblicke. Jedoch - die besinnliche Ruhe fehlte. Am Strand motivier ten wir zwei kräftige Urlauber, uns beim spontanen Aufbau eines Strand-Objektes zu helfen. So ragte es dann in die See, Himmel und Erde verbindend. Zu einer kurzen Mit- tagsrast ging es zurück in das Gasthaus oben auf dem Plateau. Eine Überraschung erwar tete uns: Erdinger Weißbier! Dazu köstlich frische Mattjes. Wirklich ein Genuß. Nach dem Essen ein Mittags-Nickerchen am Strand. Die Sonne meinte es gut mit uns, auch die Touristen hatten sich weitgehend zurück- gezogen. Wir fahren weiter nach Cap Arkona, dem „nörd- lichsten“ Punkt der Insel. Unterwegs bricht dann langsam die große Müdigkeit im Auto aus. Rudi döst vor sich hin und auch mir fallen beinahe die Augen zu. So machen wir Halt an einem Landgasthof, trinken eine Cola bzw. ein Spezi und fahren frisch gestärkt weiter. Am Cap dann jede Menge Autos und Touris- ten. Ein Parkwächter ist auch da. Wir weichen dem Trubel aus, suchen uns eine stille Wiese und dösen zwischen Schafen ein bißchen vor uns hin. Am Abend geht es dann zurück nach Sassnitz. Wir suchen das Fischrestaurant am Hafen, früher mal Kantine der Fischer der VEB. Der Fisch ist ordentlich, der Edelzwicker genießbar. Rudi geht es nicht so gut. Deshalb fah- ren wir gleich nach dem Essen zurück ins Quar tier und Rudi begibt sich zur Ruhe. Nachdem ich ihm noch Kräuter tee beim Nachbarn besorgt habe. Ich mache noch einen Spaziergang. Eine wundervolle Nacht mit klarem Sternenhimmel. Freitag, den 13.September 1991 Am Morgen Aufbruch nach Schaprode, denn wir wollen auf die Insel Hiddensee. Fahr t durch eine wunderschöne Land- schaft. Die Stimmung ist gut, denn in Bergen habe ich alles klar machen können mit dem Hotel in Greifswald. So werden wir morgen dor thin übersiedeln. Unterwegs Halt an einer Dorf- See - Zeichen die Strukturen der Wellen, fließend weich, hart, wuchtig, aufschäumend gegen den Strand schlagend. Die Wellenkämme besetzt mit weissen Schaumkronen, die sich am Ufer langsam auflösen. Ewiger Kampf mit dem Strand Rückzug und Wiederkehr, Stunde um Stunde, Tag für Tag. Das Kantige der Steine weich und rund geschliffen, wie eine Resignation gegenüber der scheinbaren Schwäche, die sich letztendlich doch als die Stärkere entpuppt. See-Zeichen geheimnisvoll, rätselhaft, Spiegelbild unserer eigenen Innenwelt.

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