Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom
170 20 Fotovorlage zu Reiters Ölbild „Viktoria“ auf n. s. Seite ebenso auf wie Grunderfahrungen unseres Jahrhunder ts: Isola- tion und Introspektion. Sie sind aber vor allem – und hierfür gibt es nach Picasso kaum ein überzeugenderes Beispiel – ein neues, überraschend offenes Paradigma der obsessiven Beziehung von Maler und Modell. Im Schlaf versunken oder wach, in warmblütig-spröder Nacktheit oder streng verhüllt, in der Kälte eines Wintermorgens oder im melancholisch-milden Licht des Herbstes. Der Bildzyklus – Zeich- nungen, Skizzen und Vorstudien – variier t in altmeisterlich-kunst- voller Manier das Motiv der erdhaft-sinnlichen Schönheit dieser Frauengestalten. Die Geschichte der aussichtslosen Liebe Victorias zu Johannes, die der norwegische Schriftsteller Knut Hamsun in seinem gleich- namigen Roman erzählt, sollte Rudolf L. Reiter bis heute beschäf- tigen. Dabei stellt der Künstler verschiedene Frauenfiguren dar, die sich zumTeil auflösen, mit ihrer Umgebung verschmelzen. Die Figur der Viktoria findet sich damit nicht nur in endlos weiten, ja nahezu leeren nordischen Landschaften, sondern auch in Innen- räumen, vor einem Fenster mit Ausblick. Auch hier zeigt sich der romantische Charakter, die romantische Grundhaltung Reiters. Oft liegen Schleier über den Bildern des Viktoria-Zyklus’, deuten bereits an, was Reiter später in seinen „Lichtfeldern“ zum Aus- druck bringen wird: die verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit überlagern sich und durchdringen einander. Es waren Kernaussagen in diesem Roman, die mich gefesselt haben. Ich habe mich in dem Roman selbst wiederge- funden als ewiger Plato- niker, der ich als junger Mensch war
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NDYwNjk=