Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom

122 Wenn Mann und Frau in eigenen Sphären leben, wie kann es ein Miteinander und Versöhnung mit dem Leben geben? Tauchen sie gemeinsam auf, stehen sie dennoch getrennt gegenüber wie in der Variation nach Edvard Munch, „Stimme des Lebens“ von 1993 oder „Konvertiert“ von 1994. Selbst Hilde Reiter ist eher das Gegenüber ihres Mannes und des Künstlers. Stark wirkt sie in den Porträts, die Rudolf Reiter von ihr anfertigt. In ihrem bekanntesten Porträt, „In Liebe dein…“ von 2009, steht sie hinter dem Arbeitstisch und offenbar vor einem informel- len Gemälde ihres Mannes. Selbstbewusst lacht sie den Betrachter an, ganz Geschäftsfrau in Sakko und weißer Bluse und mit Kurzhaar- schnitt. Es ist eindeutig: In dieser Beziehung und Ehe ist Hilde Reiter die Starke. Immerhin hat Reiter sie auf Augenhöhe nicht nur mit dem Betrachter, sondern auch dem malenden Künstler dargestellt und nicht überhöht. Die Gegensätze sind also nicht ganz unvereinbar. Sie scheinen sich zuletzt doch noch aufzulösen, zieht man die informellen Kunstwerke des Spätwerks in Betracht. 16 2010 wie 2013 fertigt Rudolf L. Rei- ter ein jeweils 60 x 60 Zentimeter großes Gemälde auf Holz an. Holztafeln erinnern an die mittelalterliche und altmeisterliche Male- rei, womit Reiter den Gemälden besondere Bedeutung verleiht. Bei- de Bilder heißen „In Liebe dein…“ und greifen damit den Titel des bekannten Porträts von Hilde Reiter auf. Mal überwiegen Blautöne und Pink-Violett, mal Grün und Hellblau. Geträufelte Farbspuren do- minieren links und rechts, werden im Auge des Betrachters fast zu Gestalten, zu einem Duett und einem Tanz zweier Figuren. Der Titel beschwört eine Liebesgeschichte. 2016 malt Rudolf L. Reiter schließlich „Liebespaar“. Ausgegossene Farbe verbindet sich in der Fantasie des Betrachters zu zwei ein- ander gegenüber stehenden oder sitzenden Figuren. Als oberste Schicht zieht sich dünn eine dunkle Farbspur über den Malgrund. Sie verbindet links und rechts und damit die beiden mehrfarbigen Flächen, die als Gestalten erscheinen. Mehr ist da im Grunde nicht: nur Farbe, nichts Konkretes. Dabei erzählen diese so vermeintlich beiläufig ausgeschütteten und geträufelten Farben eine Geschichte, die Geschichte eines Liebespaares. In der informellen Malerei finden Versöhnung Rudolf L. Reiter „In Liebe dein...“ Öl auf Leinwand 60 x 80 cm, 2009

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