Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom
120 Der Weltenwanderer ist uns bereits begegnet. Er war es, der auf der rechten Tafel des Triptychons „Seelen der Unendlichkeit“ die Gebirgslandschaft durchstreifte. Gekennzeichnet ist er sparsam und doch so markant mit seiner spezifischen Silhouette und dem langen „Wanderstab“, der vielleicht an einen Hirten, eher an einen Druiden erinnert. Es unterscheidet ihn deutlich von den beiden ganz eindeu- tig als Männer identifizierbaren Gestalten des Gemäldes „Landstrei- Die weibliche Sphäre ist die des Innenraums. Es könnte ein nach in- nen verlegter Hortus conclusus sein, wäre da nicht eine erotische Aufgeladenheit. Weiblich weich ist das Interieur und die Frau darin oft nackt oder spärlich bekleidet. Befindet sie sich im Freien, dann in grüner Landschaft und lichten Wäldern. Die Vegetation verweist wiederum auf die Fruchtbarkeit der Erde und des Urweiblichen. Den Berg- und Eislandschaften, den Höhen der Alpenausläufer und dem kühlen Nordland fehlt das Weiche und Weibliche. Die karge Gegend ist ganz auf sich selbst reduziert, und nur Männer wagen sich ihr zu nähern. Gar nur ein Einziger durchstreift sie auf einsamen Wanderungen wie in „Stille Tage im Nordland“ von 2014. Verhieß die frühlingshafte oder sommerliche Landschaft der Frau potenti- elle Fruchtbarkeit, verweist die winterlich blaue Weite, die sich der Mann wandernd aneignet, eher auf die Verweigerung des Eros und auf Vergeistigung. Diese Trennung der männlichen und weiblichen Sphäre mit all ihren Implikationen entspricht dem Geschlechterbild des 19. Jahrhunderts. Rudolf L. Reiter „Stille Tage im Nordland“ Öl auf Leinwand 80 x 80 cm, 2001
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