Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom

116 Rudolf L. Reiter „Flieder der Liebe - Déjà-vu“ Öl auf Leinwand, 60 x 48 cm, 1998 im Fluss liegend wie in „Déjà-vu“ von 2008, Victoria ist das weibli- che Andere zu Reiter. Das Weibliche ist ihm, dem Mann, fremd und unergründlich und trotz allen künstlerischen Bemühens um die Figur nie zu ergründen. Sie entspricht eher dem Frauenbild der Zeit um 1900 und dem Umfeld Hamsuns, als dieser seine Bücher zu schrei- ben begann, als dem legeren Geschlechterverhältnis der 2010er. So ist sie eher der „dunkle Kontinent“ eines Sigmund Freud als die „nor- male“ berufstätige Frau von heute. Victoria ist ein Ideal, ein ideales Weibliches, das für jede Frau, für „die Frau“ schlechthin, stehen kann ebenso wie ein künstlerisches Ide- al, an dem sich Reiter abarbeitet. In unzähligen Gemälden versucht er ihre Geschichte, darüber hinaus ihr Geschlecht zu ergründen. Er sieht in ihr das Schöne fern von Alltag und Arbeit wie bei „Flieder der Liebe – Déjà-vu“ von 1998 oder die Verzweiflung und Leere wie in „Liebesbrief“ von 2013. Trotz allem kommt Reiter ihr nie wirklich nahe, durchdringt nie das „Rätsel Weib“, an das ein Edvard Munch vor mehr als 100 Jahren rührte. Rätselhaft ist im Falle der Victoria auch die Durchdringung von Fikti- on und Realität. Die Werke Knut Hamsuns lernte Reiter durch einen „Zufall“, den er als Bestimmung bezeichnen würde, kennen – und damit die tragische Figur der Victoria. Ihr hat er über Jahrzehnte hin- weg bis jetzt unzählige Werke gewidmet. Manchmal stellt er konkre- te Situationen aus Hamsuns Werk dar. Manchmal streift Reiters Fan- tasie frei durch die erfundene Welt des Norwegers. Victoria ist ihm, dem männlichen Künstler, ein Ideal der Romantik oder „Schwarzen Romantik“ des späten 19. Jahrhunderts: die Angeschwärmte, gleich- wohl Unberührbar-Jungfräuliche, der er mit seiner Kunst huldigen kann, ohne sie jemals erreichen zu können. Dann kam ganz real eine Tochter zur Welt. Reiter, der frisch gebackene Vater, wünschte sich von seiner Frau, das Töchterchen „Victoria“ nennen zu dürfen, und Hilde Reiter stimmte zu. Einige Monate später bekam der Vater Bedenken: Die Hamsun-Geschichte um Victoria geht schlecht aus. Konnte er sein Kind mit einem solchen Vorbild belasten? Der Plan, die Tochter umzubenennen, schlug natürlich fehl, denn es gab für die Behörden gar keinen Grund zur Namensänderung. Erst sehr viel später erfuhr Reiter vom Hamsun-Sohn Tore, dass die Roman-Figur ein reales Vorbild gehabt hatte. Diese „wahre Victoria“ sei mit 91 Jahren in London gestorben. Reiter war daraufhin wieder mit sich und derWelt zufrieden. Dennoch: Der Künstler spricht von seiner Tochter „als stofflich gewor- dener Figur Hamsun‘scher Erzählung“. Im Grunde sei ihr das „Leben“ dieser anderen Victoria aufgezwungen worden. Einsicht in Vergangenes und Bedauern schwingen bei solchen Äußerungen mit, wenn Reiter er- klärt, seine Tochter hätte sich zu einer sehr zurückgezogenen Person entwickelt. Sie sei eine ruhige Persönlichkeit, die sich nie in den Vorder- grund spielen würde. 41 Flieder der Liebe – Déjà-vu Öl auf Leinwand 60 x 48 cm | 1998

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