Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom
111 entgegen. Das Gemälde wirkt fast lebendig in seiner farbintensiven Bewegtheit. Der Künstler benützt eine Palette, die offenbar nur aus dem silbernen Alu-Grund, rot, blau und schwarz und etwas pink besteht. Dazu kommt das ungemischte helle Gelb in der obersten Farbschicht und erscheint wie ein Kontrapunkt oder ein gesprächiger Gegenpol des Vorangegangenen. Erst im Rückblick wird deutlich, wie sehr Aktuelles mit Altem ver- knüpft ist, gleichzeitig, wie anders es sich darstellt. Reiter hatte stets mit reduzierter Palette gearbeitet. Man denke an die Arbeit mit den Psychiatrie-Patienten in Dresden-Oberloschwitz. Die stärksten sei- ner Kunstwerke verzichten auf Buntfarbigkeit und erzielen ihre inten- sive Wirkung durch den dynamischen Farbauftrag mittels Schütten. Geht man zeitlich einen Schritt zurück steht relativ früh in Reiters informellem Kunstschaffen das Bild „Metamorphose“ von 1982. Auf den ersten Blick entdeckt das Auge wiederum nur wenige „Farben“: weiß und schwarz, dunkelrot und blau. Ein Braunton, der anders als zart rosafarbene Partien nicht durch Farbmischung entstanden sein kann, ist ebenfalls zu finden. Die Farbpalette entspricht „Kamasut- ra“ von 2016. Doch wie anders ist die Wirkung bei diesem neuen Aluminium-Bild! Trotz der vergleichbaren Farbpalette, trotz der in- formellen Gemeinsamkeit, der typischen Handschrift des Künstlers, bleibt das Großformat von 1982 flach und zweidimensional. Die – aufgrund der informellen Schaffensweise unbewusst entstandene – Komposition ist sowohl dynamisch wie harmonisch. Das gilt ebenso für „Kamasutra“, das jedoch dreidimensionaler wirkt. Das Bild ist hel- ler, ja, „lichter“ durch größere weiße Flächen und ein helleres Blau. Das macht es „visionärer“ und als Blick in die Anderswelt überzeu- gender. Reiter hat sich befreit. Munter stellt er 2015 und 2017 Ausstellungen zusammen, in de- nen informelle Kunst auf Romantische Moderne trifft. Reiter‘sche Monet-Seerosen hängen neben expressionistischen Werken, denn selbst die Begrifflichkeit sieht der Künstler nicht mehr so eng. Der „Glückspendler“, eine Messing-Bronze, sitzt in der Moosburger Aus- stellung fröhlich im Raum und beobachtet interessiert das Publikum. Ideen werden wieder aufgegriffen und neu umgesetzt wie „Zeit der Wiederkehr“. Alles fließt. Ein wahrhaftiges „Panta rhei“! Mit „Loveletter“ entsteht 2016 ein neues Kunstwerk der Roman- tischen Moderne. Hier steht eine junge Frau mit dem Liebesbrief Die Briefleserin
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