Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom
110 2009 äußerte Rudolf L. Reiter, wie eingangs bereits erwähnt: „Ich bin überzeugt, dass ich den Zenit noch nicht erreicht habe.“ 15 2016 sagt er: „Das Spätwerk ist eingeläutet.“ Dazwischen liegt die eigene Todeserfahrung, der wahrhaftige Blick in die Anderswelt, eine Zeit zwischen Tod oder Leben. Hinterher meint er, dass ihn die The- men der Jugend und seiner 20er eingeholt hätten: Tod, Reinkarna- tion, Sterblichkeit. „Jetzt rückt das immer näher“, gibt er offen zu. „Das lebe ich bewusst.“ Sogar die neuen Großformate würden in diesem Bewusstsein geschaffen. Von außen betrachtet besteht kein stilistischer Bruch zwischen den Gemälden von 2015 (vor den lebensbedrohlichen Eingriffen am Herzen) und 2016 (nach dem Krankenhausenthalt). Eher scheint sich hier eine klare Linie fortzusetzen, die mit der Präsentation zahlrei- cher aktueller Werke bei der Ausstellung „Quelle und Schöpfung. Von der romantischen Moderne bis zum abstrakten Expressionis- mus“ in Moosburg im Frühherbst 2015 begann, durch die Krank- heit lediglich unterbrochen und nach einer Erholungsphase wieder aufgenommen wurde. Das frühere „Bevölkerte Seelen“ von 2015 steht dem fast monumentalen „Quelle und Schöpfung“ von 2016 in nichts nach. Im Herbst 2016 ist „Bevölkerte Seelen“ gar das aktuelle Lieblingsbild des Künstlers. Das Spezifische des Spätwerks ist damit nur mittelbar in der Bio- grafie des Künstlers zu suchen, hingegen primär im künstlerischen Schaffen selbst. Die Bilder heißen nicht nur vertraut „Bevölkerte Seelen“, sondern ganz ungewohnt „Samengeburt“ oder „Kamasutra“. Da blubbert es. Es bewegt und entwickelt sich. Die Farbe drängt in alle Richtungen, zuletzt dem Betrachter entgegen. Reiter verzichtet bei Bildern wie „Kamasutra“ und „Samengeburt“ auf die hingegossenen Farbschlieren, die sonst oft über den Farb- feldern lagen. So können Farbe und Formen ungehindert explodie- ren. Es entsteht eine oftmals zuvor fehlende Dreidimensionalität und Tiefe. Raum entwickelt sich und greift um sich. Es funktioniert aber auch mit einigen wenigen „Farbspritzern“ wie bei „Bevölkerte See- len“. Wie in großen roten Blasen kommt dem Betrachter die Farbe Rudolf L. Reiter „Kamasutra“ Öl auf Aluminium 50 x 60 cm, 2016 Rudolf L. Reiter „Samengeburt“ Öl auf Aluminium 50 x 60 cm, 2016 V. Rückkehr in die Anderswelt Das Spätwerk
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