Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom

108 und Pflegeheimen Aktionen und Workshops durchführen und schwärmt: „Das war ganz, ganz toll.“ Der Austausch mit den Patienten war für beide Seiten fruchtbar. Reiter ist über- zeugt davon, diesen nicht nur etwas beigebracht, sondern ebenso einiges von ihnen gelernt zu haben. Manchmal war er sogar neidisch auf deren Kunstschöpfungen, sammelte durch „Tauschgeschäfte“ Arbeiten und baute so eine Sammlung auf. Mit seiner ganz eigenen Philosophie bewer tet Reiter psychi- sche Erkrankung unkonventionell. Er spricht von „dem psy- chischen Kranken“ in Anführungszeichen und meint fast lapi- dar : „In der anderen Welt wär‘s anders.“ Eines seiner besten Erlebnisse hatte er mit einem Patienten mit Jesus-Wahn und Rastalocken, der jedoch kein Wor t sprach. Kommunikation erfolgte mimisch oder über Zettel. Nach zehn Tagen sprach dieser Patient, wenngleich stotternd, über seine Bilder. Reiter sagt dazu begeister t: „Großar tig, wie Malerei die Herzen und die Seelen öffnet.“ Um dieses Öffnen der Seele ging es dem Künstler bei seiner Form der Kunsttherapie. Deshalb wollte er mit den Patienten informell arbeiten. Dazu braucht es keine Anatomie, und es kommt zu schnellen Erfolgserlebnissen. Emotionen sollten auf diese Weise geweckt und unverblümt nach außen getragen werden. Das ist nichts anderes als das Sichtbarmachen von Unsichtbarem. Energetisch wäre das wiederum bereits in ihm selbst vorhanden, sagt Reiter, und durch Malerei mache er das sichtbar. Reiter formulier te es 1995 so: „So kann der psychopatholo- gische Mensch meiner Auffassung nach durchaus in der Lage sein, in ihm ruhendes Unsichtbares sichtbar zu machen, was ohne Kunst nicht sichtbar würde. Mein Grundgedanke dabei ist, die positive Kraft und Energie aus dem Kosmos, dessen Energieträger jeder von uns ist, optimal für die Kunstthera- pie zu nutzen. Und ich denke, daß das möglich ist durch den Abbau von vorhandenen Schwellenängsten, was das zur Ver- fügung stehende Material angeht, und natürlich die Angst, daß man keine Kenntnis von Maltechniken hat.“ 12 Vom 20. bis 24. August 1995 arbeitete Rudolf L. Reiter im Rahmen der Woche der Kunsttherapie mit Patienten der Psychiatrischen Klinik Dresden-Oberloschwitz. Erklär tes Ziel war, über die Gruppenarbeit hinaus nicht nur Einzelwerke, sondern ein Gesamtkunstwerk zu schaffen. Individuelles Ge- stalten in der Gruppe sollte nicht nur zu gemeinsamen Er- folgserlebnissen führen, sondern vermitteln: „Ich bin ein Teil des Ganzen, das Ganze ist ein Teil von mir, ohne Teil kein Ganzes.“ 13 Jackson Pollock († 1956) „Convergence“

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