Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom
107 Künstlerisch tätige psychisch Kranke wurden im 19. und frühen 20. Jahrhunder t mal als schlicht Wahnsinnige, dann wieder als Genies betrachtet. Um 1920 beginnt der deutsche Kunsthisto- riker und Psychiater Hans Prinzhorn (1886-1933) Patienten- werke aus dem deutschsprachigen Raum zusammenzutragen, aus der die spätere Sammlung Prinzhorn hervorgehen sollte. Darauf aufbauend publizier t er 1922 die Studie „Bildnerei der Geisteskranken“. Während die Fachwelt zurückhaltend bleibt, spricht das Buch viele Kunstinteressier te und Künstler an und beeinflusst die Surrealisten maßgeblich. 1938 werden aller- dings Werke der Sammlung bei der Wanderausstellung „Entar- tete Kunst“ dazu missbraucht, die Kunst der Moderne zu diffa- mieren. Die Sammlung selbst gerät daraufhin in Vergessenheit und wird erst 1963 vom Schweizer Ausstellungsmacher und Museumsleiter Harald Szeemann wiederentdeckt. Es folgen nationale und internationale Ausstellungen. 2001 erhält die Sammlung schließlich ein eigenes Museumsgebäude auf dem Gelände des Heidelberger Universitätsklinikums, Prinzhorns Wirkstätte, wo er als Assistenzarz t mit seiner Sammlung und seinen Studien begann. Psychische Krankheiten und Auffälligkeiten sind von vielen Künstlern bekannt, darunter Vincent van Gogh und Edvard Munch. Rudolf L. Reiter spricht offen von seiner depressiven Veranlagung. Mag es Identifikation mit den großen, aber psy- chisch kranken Künstlern sein, an den Erfahrungen mit der erkrankten Bekannten in der psychiatrischen Klinik in Mün- chen-Haar liegen oder schlicht Neugier auf die Auseinander- setzung sein, der Künstler wollte gerne einmal mit den Pati- enten einer Psychiatrie kunsttherapeutisch arbeiten. Er war interessier t daran auszuloten, „wie weit sich die Menschen öffnen können“. Der wiederbelebte Kontakt zu einem ehemaligen Mitschüler, Har tmut Reinbold, einem Fachapotheker sowohl für Klinische Pharmazie wie für Theoretische und Praktische Ausbildung, schuf schließlich eine Verbindung zur Hans-Prinzhorn-Klinik in Hemer. Mehrfach konnte Reiter dor t für 14 Tage mit Pa- tienten arbeiten sowie in anderen psychiatrischen Kliniken Rudolf L. Reiter und die Psychiatrie Künstler Adolf Wölf li. Sein Psychiater Walter Mor- genthaler widmete ihm 1921 das Buch „Ein Geisteskranker als Künstler“, das erstmals einen an Schizophrenie lei- denden Patienten als Künstler ernst nahm. Erst lange nach seinem Tod wurde sein bild- nerisches und dichterisches Werk, das sich gängigen äs- thetischen Kategorien entzieht, einem breiteren Publikum be- kannt. Der französische Maler Jean Dubuffet stellte 1948 120 Zeichnungen Wölf lis in der Compagnie de l’Art Brut in Pa- ris aus; auf der Documenta 5 in Kassel, 1972, wurde ihm der Bereich Bildnerei der Geistes- kranken gewidmet.
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