Rudolf L. Reiter - Gegen den Strom

104 Den alten Griechen galten die Musen als die neun Töchter des Zeus und der Mnemosyne. Die Schwestern standen im Gefolge des Apoll und waren Schutzgöttinnen der Künste. Schon damals wurden sie für ihre inspirierende Kraft verehr t. Heutzutage wird der Ausdruck „die Muse küsst jemanden“ verwendet, wenn jemandem die Inspiration zu einem literari- schen oder bildnerischen Werk quasi „zufliegt“. Der Begriff hat sich jedoch längst von der göttlich-genialischen Inspirati- onsquelle zu einer sehr viel realeren verlager t. Die Muse ist nicht erst seit Alma Mahler-Werfel oder Françoise Gilot zur greifbaren Frau geworden, die Künstler, Literaten oder Musi- ker zu großen Werken anregt. Die Beziehungen zwischen der menschlichen, meist weib- lichen Muse zum durch ihre Inspiration kreativ schaffenden Mann sind vielfältig. Es ist keineswegs so, wie der Fall Picasso glauben macht, dass eine Muse Modell und Geliebte gleich- zeitig sein muss. Musen können ebenso bloß angeschmachtet wie tatsächlich verführ t werden. Über die Qualität der daraus resultierenden Arbeiten sagt das nichts aus. Manche Künstler brauchen den platonischen Abstand, um kreativ sein zu kön- nen, andere mehr die körperliche Nähe. Auch Rudolf L. Reiter hatte in seinem Leben verschiedene Musen. Dass es da immer eine „Rederei “ bei den Leuten ge- ben wird, ist dem Künstler klar : „Du brauchst bloß die Wahr- heit zu sagen, und das glaubt dir eh keiner.“ Ein Picasso war Reiter nämlich nie. „Ich bin zu brav, zu schüchtern“, offenbar t der Künstler und fügt ein „zu konservativ“ hinzu. Doch die Geschichte, die er in diesem Zusammenhang erzählt, ist zu schön, um nicht darüber zu berichten, wie das mit dem Künst- ler und den Musen war… Wieder einmal war Reiter in seinem geliebten Norwegen und wander te seinen „Hausberg“ hinauf und auf der anderen Sei- te hinunter. An einem anderen Berg bewegte sich ein kleines Wesen wie er den Hang hinab. Auf halben Weg erkannte Rei- ter, dass es sich um eine Frau handelte. Zwischen den Ber- gen befanden sich ein Fjord und ein Leuchtturm am Ufer mit Von der Muse geküsst Mu·se Substantiv [die] 1. jede der neun Göttinnen der Künste in der griechischen Mythologie. 2. Frau, die einen Künstler zu kreativen Leistungen anregt. Reiters norwegische Muse Inga.

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